Ich war ein Realist

Fürst Hans-Adam II. vermisst seine aktive Rolle in der Politik nicht. Dass er weniger provoziert als früher, hat für ihn nichts mit Altersmilde oder mehr Gelassenheit zu tun. Es sei ein bewusster Schritt in die zweite Reihe gewesen.

Durchlaucht, herzlichen Glückwünsch zum 74. Geburtstag. Sind Sie altersmilde geworden?

Fürst Hans-Adam II.: Nein, das würde ich nicht sagen.

Aber Ihre Lust an Provokationen oder politischen Diskussionen scheint Ihnen ein wenig abhandengekommen zu sein.
Das hat nichts mit Lust oder Desinteresse zu tun. Ich habe schon bei der Einsetzung meines Sohnes als Stellvertreter erklärt, dass ich mich aus der Politik zurückziehe. Dass ich mich politisch zurückhalte, war eine bewusste Entscheidung.

Fehlt Ihnen dieser Diskurs nicht? Oder liegt es einfach daran, dass sich niemand der Diskussion stellt?
Nein, es fehlt mir nicht. Es hat damals auch meinem Vater nicht gefehlt, als ich seine Stellvertretung übernommen habe. Ich war eigentlich ganz froh, als ich diese Aufgabe dem Erbprinzen übergeben konnte. Selbstverständlich besprechen wir noch Themen, welche in der Innen- oder Aussenpolitik anstehen, so wie ich dies mit meinem Vater gehandhabt habe. Aber im Grossen und Ganzen habe ich mich hier zurückgezogen.

Es macht aber doch den Anschein, dass Liechtenstein die Diskussionskultur abhandengekommen ist. Es werden zwar noch Scharmützel über Kleinigkeiten ausgetragen, aber ein Streit um die besten Ideen – wie es in Ihrer aktiven Zeit war – findet immer weniger statt. Sehen Sie das auch so?
Das hängt damit zusammen, dass ich umstrittene Themen – welche aus meiner Sicht notwendig waren – teilweise sehr früh aufgegriffen habe. Ich denke hier etwa an den UNO-Beitritt. Oder später an den EWR-Beitritt mit grosser Diskussion, Demonstration und meiner Drohung, die Regierung zu entlassen und den Landtag aufzulösen. Dann die ganze Verfassungsdiskussion und auch das neue Hausgesetz. Solch grosse Reformschritte führen immer zu Auseinandersetzungen, bei welchen die Emotionen hochkochen. Das hat sich jetzt beruhigt. Die grossen Reformen haben wir hinter uns. So sehe ich es jedenfalls.

Viele sagen , dass gerade die Verfassungsdiskussion die Ursache dafür ist, dass heute viele ihre Meinung lieber für sich behalten.
Wenn ich mir die Leserbriefe anschaue, dann wird nach wie vor heftig gestritten. Aber die Diskussion über die Verfassung, welche sich über Jahrzehnte hingezogen hat, ist erledigt. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung hat für die neue Verfassung gestimmt. Die Diskussion wurde ursprünglich von jener Gruppe begonnen, welche mit der Verfassung von 1921 nicht mehr einverstanden war. Hier hat sich gezeigt, was ich immer schon vermutet habe: Diese Gruppe ist eine kleine Minderheit. Eine Gruppe von Intellek­tuellen – vollgestopft mit Ideen aus dem Ausland – die das Gefühl hatte, dass man hier alles verändern muss. Und dieser Kreis hat vom Wähler eine Abfuhr erhalten. So ist dies in einer direkten Demokratie, und anschliessend beruhigt sich das Ganze dann wieder.

Sie sind also der Ansicht, dass die grossen Reformen abgeschlossen sind. Auf der anderen Seite hat der Erbprinz in seiner Thronrede von der Politik gefordert, weitere Reformen anzugehen. Etwa beim Thema Familie und Beruf, wo er eine Lösung wünscht, damit Kinder im ersten Lebensjahr keine Fremdbetreuung benötigen. Diese Forderung ist nicht neu, und trotzdem fand bisher keine öffentliche Diskussion darüber statt.
Die vom Erbprinzen angesprochenen Reformen sind weniger kontrovers als meine damals doch sehr grundlegenden Reformen der Aussen- und Innenpolitik.

Sie haben sich für einen UNO-Beitritt starkgemacht. Dies war sicher ein wichtiger Schritt zur Absicherung der Souveränität Liechtensteins. Heute ist die UNO ein riesiges Konstrukt mit vielen Unterorganisationen. Hat heute die UNO wirklich diese Bedeutung bzw. diese Schlagkraft, welche man sich ursprünglich von ihr erhofft hat?
Diese Schlagkraft hatte sie nie. Schon beim Ausbruch des Kalten Krieges war es so, dass das ursprüngliche Konzept der UNO immer an den Veto-Mächten gescheitert ist. Aus meiner Sicht hat sich dies heute etwas verbessert. Im Kalten Krieg war die Blockade noch viel stärker. Heute sehen wir eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den Veto-Mächten. Die Blöcke sind aufgebrochen.

Zurück zu Ihrem 74. Geburtstag. Sind Sie eigentlich noch jeden Tag im Büro oder lassen Sie es mittlerweile etwas ruhiger angehen?
Ich bin jeden Tag im Büro. Ich bin zwar weniger in der Politik involviert, aber ich bin immer noch Vorsitzender der verschiedenen Stiftungen und zum Teil in der Vermögensverwaltung aktiv. Aber auch hier habe ich einen grossen Teil der Verantwortung an meine beide jüngeren Söhne abgegeben. Ich betreue noch das eine oder andere Projekt.

Welche Projekte beschäftigen Sie derzeit?
Ein Projekt sind schwimmende Städte. Ob diese je verwirklicht werden können, ist noch offen. Die grösste Bevölkerungskonzentration gibt es entlang der Küsten und dort gibt es auch die grössten Städte, die weiterwachsen. Die Frage ist, ob man nicht etwas machen könnte, das für die Umwelt besser wäre. Städte sind meist dort entstanden, wo es gute Böden und genügend Wasser für die Landwirtschaft gab. Die Ausdehnung dieser Städte geht auf die Kosten der Landwirtschaft. Aus diesem Grund wären schwimmende Städte eine Möglichkeit, diesen Druck von den landwirtschaftlichen Flächen zu nehmen.

Dies ist sicher ein Projekt, das nicht von heute auf morgen realisiert werden kann. Gibt es ein Projekt oder Thema, bei dem Sie sich vorgenommen haben, es unbedingt noch selbst abzuschliessen?
Nein, nicht wirklich. Es läuft alles gut, sowohl auf staatlicher Ebene wie auch bei unseren Unternehmen. Was mich noch interessiert, ist das Reissaatgutgeschäft. Hier sind wir mittlerweile international tätig und Marktführer in den USA. In diesem Bereich haben wir unsere Forschung auf Lateinamerika und Asien ausgeweitet. Daneben haben wir geplant, im Bereich der Forstpflanzen mit einer neuen Technologie international zu expandieren.

Welches sind für Sie die grossen globalen Herausforderungen?
Die Globalisierung führt zu Umstrukturierungen in der Weltwirtschaft. Es gibt Chancen auf der einen Seite und man kann exportieren, wenn man international konkurrenzfähig ist. Aus kleinen Firmen sind Weltfirmen entstanden. Auf der anderen Seite ist es für Staaten, die nicht in der Lage waren, sich rechtzeitig zu reformieren, und die keine demokratischen Rechtsstaaten mit einer funktionierenden Marktwirtschaft sind, schwierig geworden. Sie fallen immer weiter zurück. Hier beschäftigt uns vor allem der afrikanische Kontinent. Sowohl die wirtschaftlichen als auch die politischen Flüchtlinge sind eine grosse Herausforderung, die weitgehend ungelöst ist. Man ist hier hin und her gerissen, ob man in solchen Staaten militärisch intervenieren soll, wie in der Kolonialzeit, oder öffnet man die Grenzen, was aber aufgrund der grossen innenpolitischen Widerstände keine Lösung ist. Schliessen wir die Grenzen, dann ertrinken die Flüchtlinge im Mittelmeer. Hier stehen wir vor keinen einfachen Entscheidungen. Dies ist aus meiner Sicht die grösste Herausforderung für Europa. Wir haben den Kalten Krieg gut überstanden und die Entwicklung in Osteuropa läuft einigermassen zufriedenstellend – dies hätte auch ganz anders ausgehen können. Asien ist mit einigen Ausnahmen wie etwa Nordkorea auf einem guten Weg. Die asiatischen Länder gehen ebenfalls in Richtung Marktwirtschaft, auch China. Die Marktwirtschaft funktioniert halt nur, wenn ich einen Rechtsstaat habe und dies erfordert früher oder später dann auch eine Demokratie. Afrika und die islamische Welt haben diesbezüglich noch Probleme und werden sie auf absehbarer Zeit noch haben.

Für Sie ist also weiterhin auch in einer globalisierten Welt die Marktwirtschaft das einzige Erfolgsmodell?
Schon in der Altsteinzeit gab es die Marktwirtschaft und haben die Menschen Handel betrieben, und zwar über weite Strecken. Damals wurden etwa Feuersteine über Hunderte, wenn nicht Tausende von Kilometern gehandelt. Diesen Handel hat es immer gegeben. Dann kam plötzlich vor rund 200 Jahren die Idee auf, dass der Handel und die Marktwirtschaft schlecht sind und alles verstaatlicht werden muss. Das waren die Ideologien des Nationalismus und des Sozialismus und ihre mehr oder weniger unappetitlichen Kombinationen. Es wird immer Leute geben, die sagen, dass es keine Marktwirtschaft und keinen Rechtsstaat braucht, sondern einen starken Führer, der für uns denkt und entscheidet. Wohin das führt, haben wir bei diesen verschiedenen Führern immer wieder gesehen.

Sie haben die globalen Herausforderungen aus Ihrer Sicht genannt. Kann Liechtenstein diesbezüglich als Kleinstaat überhaupt etwas tun? Oder sind wir nicht einfach auf einen Beobachterstatus reduziert?
Als erfolgreicher Staat können wir Ideen liefern, weil wir eine erfolgreiche Marktwirtschaft und einen funktionierenden demokratischen Rechtsstaat haben. Wir haben bewiesen, dass Kleinstaaten ohne Bodenschätze gute Überlebenschancen haben. Aus diesem Grund habe ich die Initiative über das Selbstbestimmungrecht lanciert. Wenn wir die Staaten in ihrer heutigen Grösse erhalten wollen, dann müssen wir sie dezentralisieren. Aus diesem Grund habe ich das Institut in Princeton gegründet und mein Buch «Der Staat im dritten Jahrtausend» geschrieben. Da sehe ich Aufgaben, die vor uns liegen, die noch ungelöst sind. Ein Bereich ist etwa die Entwicklungshilfe. Diese müsste man an politische Reformen knüpfen. Man müsste sagen, wir geben euch Geld, aber dann müsst ihr auch politische Reformen durchziehen. Das passiert zu wenig.

Sie haben zu Beginn des Gesprächs verneint, dass Sie altersmilde geworden sind. Aber sind Sie aufgrund ihrer Lebenserfahrung geduldiger geworden? Oder waren Sie immer schon geduldig?
Ich würde sagen, ich war ein Realist. Manche Entwicklungen brauchen Zeit. Dazu gibt es einen schönen Spruch: «Wer zu früh kommt, den bestrafen die Wähler. Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte.» Das gilt auch für die Wirtschaft: Kommt man mit einem Produkt oder einer Dienstleistung zu früh auf den Markt, verliert man Geld, kommt man zu spät, hat man gegenüber der Konkurrenz keine Chance. (sap)


Source: Vaterland Liechtenstein

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