Der direkte Bezug zur Landwirtschaft schwindet

Landwirte ernähren die Bevölkerung und da die Ressourcen wie Ackerflächen knapper werden und begrenzt sind, stellt die Lebensmittelproduktion einen zentralen Faktor der Zukunft dar. Dies zeigen auch die Weltacker in Liechtenstein.

Wie in der Schweiz ist die Landwirtschaft in Liechtenstein mit teilweise sehr tiefen Produktpreisen konfrontiert. Hinzu kommen laut der Vereinigung bäuerlicher Organisationen im Fürstentum Liechtenstein (VBO) die gesättigten Märkte, die Konkurrenz durch Billigimporte wie auch die hohen Tierschutz- und Umweltauflagen sowie die hohe staatliche Regelungsdichte. Die Landwirte in Liechtenstein sind zu 95 Prozent Pächter, das bedeutet, es besteht eine hohe Abhängigkeit von Dritten, wobei ein ausreichender Pächterschutz fehlt. Das beeinträchtigt die Planungssicherheit und einige Bodeneigentümer würden übertrieben hohe Pachtzinsen verlangen. Eine weitere Herausforderung ist der Boden als wichtigster Produktionsfaktor, denn die ausgeprägte Parzellierung erschwere eine effiziente Bewirtschaftung und erhöhe gemäss der VBO die Produktionskosten und führe zu kleinen Schlaggrössen, was eine effiziente Bewirtschaftung erschwere.

Verschiedene Nutzungsinteressen erhöhen den Druck auf das Kulturland, wovon sich ein Teil in der Landwirtschaftszone befindet und daher für deren Nutzung gesichert ist. «Trotz einer gesetzlich klaren Regelung für den Boden in der Landwirtschaftszone gibt es immer mehr Ausnahmen und es mehren sich nicht landwirtschaftliche Gebäude und Nutzungen in der Landwirtschaftszone. Es fehlt eine landesweite einheitliche Raumplanung, welche den Landwirtschaftsboden schützt», schreibt Florian Bernardi von der VBO.

Auflagen führen zu Änderungen
Die Regelungsdichte wie der damit einhergehende administrative Aufwand ist in Liechtenstein ebenfalls sehr hoch mit zunehmender Tendenz. «Einerseits kann sich die heimische Landwirtschaft mit ihren Produkten von den Importwaren dadurch besser abgrenzen. Andererseits kommt diese Information selten bis zu den Konsumenten», bedauert Florian Bernardi. Darunter fallen auch ständig neue Umwelt- und Tierschutzauflagen und führen zu Veränderungen in der Betriebsführung und Infrastruktur, die oftmals teuer sind und nicht immer über den Produkterlös abgegolten werden können. Die Eigenmarken der Verarbeiter und Grossverteiler haben zusätzliche Vorschriften für die Produktionsrichtlinien.

Wie sich der Beruf des Bauers dank des technischen Fortschritts verändert hat, erzählt Florian Bernardi anhand eines Beispiels: «In der Mitte des 19. Jahrhunderts brauchten drei Personen mit einem Ochsengespann 100 Stunden für das Pflügen eines Ackers von der Grösse eines Fussballfeldes. Heute erledigt das ein Traktorfahrer mit einem Dreischarpflug in zwei Stunden.» Wie in der Schweiz hat sich in Liechtenstein eine Spezialisierung der Bauernhöfe durchgesetzt. Mit dem Melk- und Fütterungsroboter in den Viehställen hat die Automatisierung Einzug genommen. Digitale Anwendungen helfen in vielen Bereichen wie der Düngung, beim Pflanzenschutz und der Tierhaltung. Die Landmaschinen sind mit intelligenten Technologien ausgestattet. Die Digitalisierung stellt in der Landwirtschaft eine grosse Chance dar und unterstützt eine umweltschonende Produktion. Nebst den körperlichen Tätigkeiten kommt nun auch ein breites Wissen über Management- und Führungstätigkeiten auf die Landwirte zu. Die Betriebsführung ist komplex geworden und macht aus ihnen Unternehmer.

Das Image des Bauern in Liechtenstein gleicht dem in der Schweiz. Gemäss einer Studie halten drei von vier Schweizern die Landwirtschaft für eher bis sehr sympathisch. Damit schneidet die Branche sehr gut ab und führt mit der Gastronomie das Feld an.

Höfe bleiben in der Familie
Ohne die Unterstützung des Staates wäre wohl nur ein kleiner Teil der Betriebe in Liechtenstein in der Lage, unter den heute herrschenden Rahmenbedingungen zu überleben. Laut der VBO schaffe es auch in guten Jahren nur eine Minderheit der Betriebe, mehr als die Hälfte ihres Einkommens zu erwirtschaften. Durch Subventionen können rund 80 Prozent der Betriebe im Vollerwerb geführt werden. Die Höfe in Liechtenstein sind ausschliesslich Familienbetriebe. «In der Regel ist die Nachfolge innerhalb der Familie geregelt. Es kommt aber vor, dass die Hofnachfolge mit Personen ausserhalb der Familie geregelt wird», erläutert Florian Bernardi.

Jährlich schliessen etwa ein bis fünf Jugendliche aus Liechtenstein ihre Ausbildung zum Landwirt ab. Dieses Jahr waren es vier. Die VBO bietet den Absolventen zusätzlich die Möglichkeit an, im Rahmen von Erasmus+ ein Auslandspraktika zu absolvieren. Auf Partnerbetrieben in Europa lernen sie andere Arbeits-methoden und Technologien kennen, um ihren Horizont zu erweitern.

Bewässerung anpassen
Mit dem Klimawandel, der sich zum Teil negativ auf die Erträge auswirkt und ein zunehmendes Produktionsrisiko darstellt, wird sich auch die nachfolgende Generation auseinandersetzen müssen. Die VBO ist der Ansicht, dass die Ertragssicherheit durch die extremen klimatischen Ereignisse abnehmen und sich der Anbau der Kulturen verändern wird. Hinzu komme allgemein die Gefahr von Seuchen, Pflanzenkrankheiten und invasiven Neophyten. «Die Bewässerung von landwirtschaftlichen Kulturen wird zunehmend wichtiger. Nicht nur wegen der Wetterextreme, sondern auch um die geforderte Produktqualität erreichen zu können. Deshalb ist es notwendig, dass innerhalb der nächsten Jahre eine funktionierende Bewässerungs-
lösung geschaffen wird», fordert Florian Bernardi.

Wie Peter Nüesch vom St. Galler Bauernverband stellt auch Florian Bernardi fest, dass immer weniger Menschen einen direkten Bezug zur Landwirtschaft haben. Die VBO betreibt deswegen aktive Öffentlichkeitsarbeit, um die Bevölkerung zu sensibilisieren und die Arbeit der Landwirte verständlich zu machen. So zeigte eine durchgeführte Umfrage der Vereinigung, dass die Liechtensteiner Kuhglocken im Wohngebiet für noch zeitgemäss halten. «Gerade im Kleinstaat Liechtenstein muss man immer wieder auf die Bedeutung der Landwirt- schaft als Nahrungsmittelproduzent hinweisen. Die Lebensmittel, die wir so selbstverständlich kaufen und konsumieren, verbergen viel zu oft ihre wahre Herkunft und den wahren Preis», informiert Florian Bernardi. Oft werde zu leichtfertig auf die Versorgung aus dem Ausland verwiesen. Die Leistung der Landwirte müsse seiner Ansicht nach weltweit als Ganzes verstanden werden. «In Relation zur Grösse des Landes ist die Produktionsleistung aber erstaunlich», fügt er hinzu.

Leben auf Pump
Mit dem Weltacker zeigt die VBO, wie viel Ackerfläche weltweit pro Person zur Verfügung steht. Bei sieben Milliarden Menschen auf der Erde und einer Gesamtfläche von 1,4 Milliarden Hektaren Ackerfläche zur Verfügung sind das 2000 Quadratmeter pro Kopf. Das wären beispielsweise 12 Meter in der Breite und 170 Meter in der Länge. Und die Weltbevölkerung wächst stetig, während die Ackerflächen schwinden.
Um die Dimension greifbar zu machen, hat die VBO gemeinsam mit Bauernfamilien in Vaduz und Mauren zwei Weltacker angelegt. Auf diesen sind die wichtigsten Ackerpflanzen der Welt angebaut und das weitgehend im Grössen-verhältnis, zu dem sie weltweit kultiviert werden. Dazu gehören Getreide, Wurzelfrüchte, Ölfrüchte, Hülsenfrüchte und Gemüse wie Weizen, Reis, Mais, Kartoffeln und Sojabohnen, die nach Informationen der VBO zu den weltweit wichtigsten Kulturpflanzen gehören. In Vaduz wird sogar Reis angepflanzt. Die Kulturen auf den Weltackern liefern einen essenziellen Beitrag zur Ernährung. «Um eine Person ein Jahr lang mit einer ausgewogenen Mischkost zu ernähren, werden für die Produktion der pflanzlichen Nahrungsmittel bereits 400 Quadratmeter Ackerfläche benötigt. Rechnet man die tierischen Nahrungsmittel mit ein, so reicht die Fläche von 2000 Quadratmetern bei Weitem nicht aus», schreibt die VBO in einer Mitteilung.

Ressourcen bald aufgebraucht
Damit zeigt die Vereinigung auch auf, wie wichtig die Arbeit der Landwirte ist und welche Bedeutung ihnen zukommt – vor allem in einem Land wie Liechtenstein, in dem der Boden sehr knapp ist. Derzeit macht die Landwirtschaft einen Drittel der Fläche aus und auf 30 Prozent davon wird Ackerbau betrieben. Potenziell wäre gemäss VBO mehr möglich, nämlich 40 Prozent, was etwa 540 Quadratmetern pro Kopf entsprechen würde. «Das ist deutlich weniger, als uns im weltweiten Durchschnitt zur Verfügung steht. Diese Fläche reicht schon heute nicht aus, um uns in Liechtenstein davon zu ernähren. Wir leben zwar im Überfluss, sind uns aber nicht bewusst, dass wir die begrenzt verfügbaren Nahrungsmittel aus anderen Ländern beziehen, in denen kein Überfluss herrscht», macht die VBO darauf aufmerksam. Etwa ein Drittel an Nahrungsmitteln wird aus dem Ausland importiert.

Anfang August ist Welterschöpfungstag 2019. An diesem Datum hat die Menschheit rechnerisch alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht, die sich innerhalb eines Jahres erneuern können. Für den Rest des Jahres wird die Lebensgrundlage künftiger Generationen verbraucht. Theoretisch erzeugt die Landwirtschaft genügend Lebensmittel, um alle Menschen auf der Welt zu ernähren. Die Verteilung und Verschwendung machen das aber unmöglich. (ms)


Source: Vaterland Liechtenstein

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